Montag, 29. Juni 2020

Reflexion über den Corona-Frühling

Der Corona-Frühling zeigt schon Folgen. Zeit für eine Besinnung und Reflexion der Erfahrungen und für einen Ausblick auf den Sommer und Herbst.
Gleich zu Beginn des Bekanntwerdens des infektiösen und für manche auch gefährlichen Virus gab es drei Gruppen von Menschen: erstens die eher ängstlich, vorsichtigen MahnerInnen und AlarmistInnen (im motivationalen Abwendungsmodus), zweitens die optimistisch Zuversichtlichen und Verharmlosenden (motivationalen Annäherungsmodus) und drittens die vertrauensvoll abwartend Beobachtenden im motivationalen Kohärenzmodus (s. Post vom 27.4.2020).
Besonders die beiden ersten Gruppen polarisierten sich scheinbar immer stärker. In Wirklichkeit allerdings entpuppten sich manche der BerufsoptimistInnen zu MahnerInnen und dann teilten diese sich in zwei konträre Lager: die einen warnten vor der tödlichen Gefahr des Virus, die anderen vor der politischen Gefahr des totalitären Kontrollsystems. Aus neuropsychologischer Sicht waren und sind beide Lager letztlich in einer Angstblase, einer Angina mentalis, gefangen. Soweit sie in einen Rechthabestreit eingestiegen sind, kommunizieren sie im Macht-Opfer-Dreiecks-Beziehungsmuster (s. Post vom 27.4.20).

Was machen Menschen im Kohärenzmodus?

Was macht die dritte Gruppe, die vertrauensvoll abwartend Beobachtenden? Sie können sowohl die Mahner als auch die Zuversichtlichen wertschätzen. Sie steigen aber nicht in den Rechthabestreit ein, denn dann würden sie ihren Kohärenzmodus verlassen und in eine abwendungsmotivierte Kommunikation geraten, die sich wechselseitig hochschaukelt und nicht mehr alle wichtigen Realitäten sehen und abwägen kann.
Sie freuen sich über den klaren Himmel und die bessere Luft durch den Shutdown – über die kurgleiche Wohltat für die Atmosphäre und Biosphäre. Die Biosphäre atmet auf und durch – und die Menschen im Kohärenzmodus atmen mit ihr Luft und Licht.
Allerdings beobachten sie auch, wie unterschiedlich die Corona-Krise erlebt wird. Für manche Menschen ist das Corona-Virus eine Bedrohung, für andere eine natürliche Sterbehilfe, für andere eine Erkältung, für viele sind die wirtschaftlichen Folgen bedrohlich, und die Kontaktsperren und anderen Auflagen sowie die Panikmache sind emotionale und politische Herausforderungen. Für alle ist es eine Übung, mit neuen, ungewissen und womöglich bedrohlichen Bedingungen und Aussichten zurechtzukommen. Für fast alle ändert sich irgendetwas Bedeutsames – eine Musterunterbrechung des Alltagslebens weltweit.
Die Menschen der dritten Gruppe haben sowohl Vertrauen in das Immunsystem der Menschen als auch in deren Vernunft, die sich womöglich erst nachhaltig zeigt. Angesichts des Nicht-Wissens über die wirkliche Gefährlichkeit der Infektion zeigen sie eine gewisse Rücksicht und Vorsicht in Bezug auf Mitmenschen.
Sie wissen, dass die Medien in ihrem Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der BürgerInnen vor allem Horrorszenarien und Gefahrenmeldungen präsentieren. Vernünftige, abwägende Ansichten kommen immer erst nach einer gewissen Zeit nach einem gesellschaftlich bedrohlichen Ereignis in die Medien (aus meiner Beobachtung frühestens etwa zwei Wochen).

Musterunterbrechungen

Weltweit und fast gleichzeitig werden die meisten Menschen im Corona-Frühling aus ihrem normalen Alltagstrott rausgerissen. Ihr normales Leben war bis dahin weitestgehend von ökonomischen Bedingungen oft mit Beschleunigung bestimmt. Die Musterunterbrechungen im Corona-Frühling bringen mehr und auch etwas anderes als eine Entschleunigung für viele – für manche allerdings auch das Gegenteil. Hier lohnt es sich genau hinzuschauen, denn in der Unterbrechung alltäglicher Verhaltensmuster liegt eine große Chance für Neuanfänge für die Zukunft, für ein kreatives Mitgestalten eines guten Lebens.
Mit Innehalten und einem Annehmen dieser gegebenen Musterunterbrechung und uns Zeit nehmen können wir Gelassenheit entfalten und unseren inneren Beobachter aktivieren (in den Kohärenzmodus kommen). Endlich mal Zeit haben, die nicht verplant ist. Plötzlich alle Termine abgesagt. Geschenkte Corona-Frühlingszeit und frische Luft, klares Sonnenlicht und kräftig leuchtende Farben in der Natur als Folge des Lockdowns. Maja Göpel spricht im Stern-Interview von einem „Zeitwohlstand“. Wozu kann uns diese Zeit dienen?
Viele haben aufgeräumt. Viele sind kreativ geworden. Sehr vielen ist immer bewusster geworden: Alle Menschen auf dieser Erde sind vom selben Virus betroffen. Die globale Verbundenheit wurde immer deutlicher auch fühlbar. Zwar oft erst im Leiden unter Virus-Infektionen und unter den wirtschaftlichen Folgen. Aber zunehmend auch in den positiven Möglichkeiten: der Wohltat für die Atmosphäre und Biosphäre, der Besinnung auf neue Werte des Mensch-Seins, eines bewussteren Umgangs mit sozialen Kontakten wie auch mit dem Sterben, der gegenseitigen Hilfe bei autonomer Entfaltung auch in nationalen Notsituationen u.a.m.

Was kommt nach dem Aufwachen im Corona-Frühling?

Alle diese Wünsche und Tendenzen gab es auch schon vor dem Corona-Frühling – aber sie hatten wohl noch ihren Winterschlaf. Mit Corona haben sie im Frühling die Erdkruste durchbrochen und sind gekeimt. Mit Hilfe der Angst vor Corona-Infektionen, vor möglichen Fehlentscheidungen und vor einem „Kollaps des Gesundheitssystems“ haben die Regierungen Möglichkeiten zur Musterunterbrechung geschaffen und aufgezeigt, die im Winter kaum denkbar waren. Neue Werte jenseits der Ökonomie fanden Raum zur Diskussion, wie z.B. die Wertschätzung besonders systemrelevanter sozialer Berufe, die Bedeutung von Autonomie im Leben und Sterben, von Freiheit und gemeinsamem Spiel für Kinder und Jugendliche und anderes mehr.
Jetzt hat der Sommer begonnen. Noch wächst die Saat und es ist zu früh, von einer Ernte zu sprechen. An der Oberfläche sichtbar sind viele – auch widerstreitende – Interessengruppen, die etwas ernten wollen – viele ökonomisch, ideologisch oder politisch.
In der Tiefe ist die Hoffnung da, dass da schon etwas an Bewusstsein im Zeitwohlstand gewachsen ist und noch weiter wächst, das sich in achtsamer Verbundenheit sowohl mit den nächsten Mitmenschen, als auch mit allen Menschen weltweit und der Biosphäre entfaltet. Ein neues Bewusstsein über Mensch-Sein in Vertrauen, Kokreativität und Weitsicht, das unser Kooperieren mit unseren PartnerInnen im Alltag sowie auch mit Regierungen weltweit in Zukunft leiten soll.
Wenn diese zarten und zahlreichen menschlichen Pflanzen sich weiter entfalten, könnten wir sagen, dass wir mit Corona und den politischen Maßnahmen daraus etwas gelernt haben, was unser Leben in Zukunft in dieser Biosphäre besser machen kann. Auch wenn es bis zur Ernte möglicherweise mehr Zeit braucht als nur bis zu diesem Herbst. Die Samen werden über Winter verstreut und im nächsten Frühjahr vermehrt aufgehen.

Montag, 27. April 2020

Vertrauen oder Angst kultivieren? Kontrolle oder Kooperation?


Abstract: Eine Reflexion neuropsychischer motivationaler Einstellungen kann uns helfen, die möglicherweise paradoxen Folgen auch von gut gemeinten ‚rettenden‘ Aktivitäten zu verstehen und vorzubeugen. Aus einer Reflexion zwischenmenschlicher auch politischer Kommunikationsmuster ergeben sich Lösungsansätze zur verantwortlichen Mitgestaltung einer vertrauensbasierten kooperativen sowie lebensförderlichen Kultur. Nicht das Coronavirus verändert die Welt, sondern die Antworten aller mitgestaltenden Menschen – aller Ver-antwortlichen.

Angst – vor Corona?

Persönlich habe ich keine Angst vor den Coronaviren – ich bin ja auch erst 71 und fühle mich recht gesund. Aber ich kann verstehen, dass Menschen Angst vor einer Infektion haben – besonders nachdem Bilder von überfüllten Krankenhäusern und massenhaften Leichentransporten über die Medien in alle Haushalte gekommen sind, verknüpft mit gigantischen Zahlen von möglichen Millionen Toten, die sich keiner mehr wirklich vorstellen kann. Die Vergleiche mit großen Kriegen schüren Angst. Ich kann verstehen, dass viele Menschen Angst um ihr Leben oder das ihrer Angehörigen haben. Allerdings haben die meisten älteren Menschen, die ich getroffen habe, gesagt, dass sie keine Angst davor haben – auch nicht vor dem Sterben, wenn es denn sein soll. Das erinnert mich an meinen Vater, der kurz vor seinem Tode mit 92 Jahren mir erzählte, dass er in dem angenehmen Seniorenheim, in dem er fast 20 Jahre lebte, keinen kenne, der nicht sterben wolle. Dort wäre das Coronavirus möglicherweise ein willkommener Gast gewesen, eine natürliche Sterbehilfe. Als er dann nach einer Krebsoperation irgendwann aufhörte, etwas zu trinken, kam die Krankenschwester und wollte ihm eine Infusion anlegen. Auf seinen Widerspruch (er war zum Glück noch ganz klar im Kopf), meinte sie, wenn sie das nicht täte, wäre das „unterlassene Hilfeleistung“. Sie hatte wohl Angst vor einer Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung.
So reagieren Menschen mit sehr unterschiedlichen Ängsten, wenn es ums Sterben geht. Bei vielen wird innerlich eine Schuldfrage getriggert. Wer ist der böse Übeltäter? Ich hatte jetzt bei Corona am meisten Angst, als „unsolidarisch“ kritisiert zu werden, wenn ich mal jemandem aus Versehen näher als zwei Meter gekommen bin – gefühlt sowas wie ein potentieller Attentäter in den Augen mancher Mitmenschen.
Wenn es für Menschen ums Überleben geht, wird ihr neuropsychisches Abwendungs-/Vermeidungssystem[1] über den Mandelkern (die Amygdala) angeschaltet – häufig mit einem Gefühl von Angst und/oder Ohnmacht. Wenn Menschen in diesem Abwendungsmodus sind, wird ihre ganze Aufmerksamkeit auf die potentielle Bedrohung gerichtet. Man will die Gefahr möglichst genau erkennen, um sie zu bannen. Alles muss ganz schnell gehen, wie z.B. bei einem Brand in der Küche, da muss sofort gelöscht werden und man kann nicht erst die Temperatur messen. Das Denken wird zweckmäßig eingeengt auf die Gefahr und ihre Abwendung und wird von dieser dominiert – es entsteht ein eingeengter Geisteszustand (lat.: Angina mentalis). So waren die Medien einige Wochen lang fast ausschließlich mit Corona befasst und das ganze Volk redete über Corona wie über ein unfassbares mörderisches Schreckgespenst, dass in tödlichen Wellen über uns kommt. Ich musste an Don Quijote und seinen Kampf gegen die Windmühlenflügel denken. Eine kollektive Angina mentalis, angstgetrieben im neuropsychischen Abwendungsmodus.
Mit diesem Abwendungsmodus ist das Stresssystem verknüpft. Das Denken bewegt sich dann in einer Angstblase, die kaum eine andere Sicht zulässt und ebenso wenig eine Reflexion dieses Zustands.
Sie können dazu mal einen psychologischen Selbstversuch machen und der Schlagzeile vieler Zeitungen nach der Ansprache unserer Bundeskanzlerin Frau Merkel vom 21.4. Folge leisten: "Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen, …“. Versuchen Sie einmal, sich nicht „in Sicherheit zu wiegen!“ – zehn Sekunden lang … dreißig Sekunden lang… Wie fühlen Sie sich? Was denken Sie, wenn Sie sich nicht sicher fühlen dürfen?

Vertrauen in die Menschen

Unter unserer Angst muss es allerdings noch etwas Grundlegendes geben, damit wir überhaupt handeln können, ja überhaupt Angst verspüren können. Dieses Grundlegende sehe ich im Urvertrauen ins Leben oder auch im Lebenswillen, der damit eng verbunden ist. Wenn da nicht etwas Grundlegenderes als Angst wäre, würde uns die Angst schnell zerfressen und am Leben hindern. Dann hätte es Don Quijote gar nicht auf sein Pferd geschafft, die PolitikerInnen nicht an die Regierung und die WissenschaftlerInnen nicht in ihren Beruf. So dürfen wir uns auch in der Angst und angesichts von Bedrohungen immer wieder auf dieses zugrundeliegende Urvertrauen ins Leben besinnen[2].
In der Not zeigen viele Menschen diese ihre gute Seite, die hilfreich und solidarisch ist. Das gibt uns weitere gute Gründe, in Menschen zu vertrauen.
So haben die Deutschen schon sehr früh bei der Ankündigung der ersten Maßnahmen, dem Großversammlungsverbot am 9.3., begonnen, sich vernünftig und kooperativ zu verhalten, wie am Verlauf der Ansteckungshäufigkeit, berechnet im R-Wert deutlich zu sehen ist. Die R-Kurve[3] änderte ihre ansteigende Richtung schon ab dem 10.3. und fällt seit dem 12.3. ab. Dieser Effekt ist noch nicht auf das Nicht-Stattfinden großer Veranstaltungen zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Ankündigung dieser Maßnahme, die den BürgerInnen die Ernsthaftigkeit der Bedrohung deutlich gemacht hat, möglicherweise auch in Kombination mit den Berichten aus Norditalien. Was ich damit sagen will: Die Zahlen zeigen weniger einen Erfolg der Maßnahmen selbst, als vielmehr das kooperative oder auch vernünftige Verhalten der überwältigenden Mehrzahl der BürgerInnen, wenn sie entsprechend informiert sind. In diesen Zahlen finden wir einen Beweis für die Vertrauenswürdigkeit der BürgerInnen. Das Vertrauen in die Menschen wäre zu diesem Zeitpunkt also schon kein geschenktes oder gar blindes Vertrauen mehr gewesen, sondern bereits statistisch begründet ein sehendes Vertrauen[4].
Ist Angst neuropsychologisch mit dem motivationalen Abwendungs-/Stresssystem gekoppelt, so ist Vertrauen mit dem motivationalen Annäherungs- und dem Kohärenzsystem[5] verknüpft. Diese Systeme sorgen dafür, dass wir uns lustvollen Annäherungszielen bzw. übergeordneten stimmigen Kohärenzzielen zuwenden und annähern.
Urvertrauen nenne ich das, was dem Leben immanent ist, das Vertrauen mit dem ein Neugeborenes den ersten Atemzug nimmt und die angebotene Milch trinkt. Durch negative Bindungserfahrungen wie auch Traumata in der frühen Kindheit kann dieses Urvertrauen geschmälert werden. Als Potential bleibt es weitgehend erhalten. Urvertrauen wäre somit eine grundlegende kooperative Einstellung des Menschen, die ich neuropsychologisch dem übergeordneten motivationalen Kohärenzsystem zuordne. Wenn wir im Kohärenzmodus sind und so mit unserem Urvertrauen verbunden, können wir gelassen sein. Wir können uns mit unserem Urvertrauen verbinden mit dem Satz: Ich atme also vertraue ich.
Dann können wir Gefahren kritisch angucken, auch unsere Angst spüren, wir müssen aber nicht gleich agieren, wenn nicht wirklich akute Lebensgefahr ist. In diesem vertrauensvollen Kohärenzmodus können wir weit denken und das ganze Leben in Betracht nehmen, nicht nur das Überleben. Wir können schauen, was uns wirklich bedeutsam ist, wie wir gut leben wollen und können – mit unseren nächsten Mitmenschen, in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt. Wenn wir unser Denken so weit – auch global – geöffnet haben, können wir wieder das Problem mit den Coronaviren angucken. In dieser kohärenzbewussten Reflexion können wir unser Abwendungssystem im Zaum halten, abwägen und uns nüchtern relativierend fragen, wie wir gut leben und was wir tun wollen: mit, gegen und ohne Coronaviren.
Mein Vertrauen in die Regierung und die Kooperation mit ihr beruhte unter anderem darauf, dass ich wie selbstverständlich von einer gemeinsamen Intentionalität ausgegangen war: dass die Regierenden die Ausbreitung des Virus stoppen wollen, damit wir und möglichst viele andere Menschen auch danach möglichst gut leben können. Dafür war ich wie viele andere bereit, Opfer zu bringen – auch angesichts der positiven Nebenwirkungen auf die Atmosphäre. Inzwischen sehe ich diese gemeinsame Intentionalität für eine Kooperation so nicht mehr gegeben, da die Regierenden und ihre ausgewählten ExpertInnen die verständlichen kurzfristigen Abwendungsziele zur Langzeitperspektive erklären wollen. Das erfordert ein gänzlich anderes Abwägen.
Wenn ich in eine Kooperation vertraue, gehe ich davon aus, dass der Kooperationspartner auch mir vertraut. Weiter helfen wir uns gegenseitig, wenn einer mal seine Rolle nicht mehr alleine schaffen kann[6]. Dazu gehört, dass wir unser Wissen teilen und auch, dass wir gemeinsam die Schritte, Erfahrungen und Erfolge oder auch Misserfolge und Fehler besprechen und reflektieren. Und ggf. gemeinsam korrigieren. Darauf haben ich und, soweit ich es überblicke, die große Mehrheit der BürgerInnen vier Wochen lang gehofft. Wir haben voller Vertrauen in die Regierung und die ExpertInnen ziemlich brav die verordneten Maßnahmen befolgt. Und das, obwohl wir nicht in die Diskussionen um die Maßnahmen und den Ausstieg einbezogen wurden, wie sich das für eine partnerschaftliche Kooperation gehört, nicht einmal wurde die Entscheidungsfindung wirklich transparent gemacht. Das hat bei mir und vielen anderen an dem ursprünglichen Vertrauen genagt. Dann habe ich hinterfragt, ob wir wirklich eine gemeinsame Intentionalität haben.

Macht, Opfer und ein Schattenmuster gut gemeinter Rettungsaktivitäten

Sie haben jetzt von zwei unterschiedlichen neuropsychischen Einstellungen gelesen: zuerst vom Gefahren-Abwendungsmodus, dem Überlebens- und Kriegsmodus, und dann vom freundlich vertrauenden und kooperativen Annäherungs- und Kohärenzmodus. Von einigen Indianerstämmen habe ich gelesen, dass sie zwei Häuptlinge hatten: einen für Friedenszeiten und einen für den Krieg. Offenbar hatten sie gemerkt, dass es zwei sehr unterschiedliche Denk- und Führungsstile braucht.
Wir haben zwar nicht die Regierung ausgewechselt (es sei denn man sieht das RKI und Herrn Drosten jetzt als Regierung), aber ihr Führungsstil hat sich deutlich geändert. Plötzlich wird zum „Krieg gegen Viren“ geblasen. Ich brauche die starken Angstbilder vom Sturm auf die Kliniken und Krematorien, die tödlichen Wellen sowie die entsprechenden Notstandsmaßnahmen hier nicht weiter auszuführen. Die sind hinreichend bekannt. Hier möchte ich die damit verknüpften Interaktions- und Kommunikationsmuster reflektieren.
Die BürgerInnen schließen sich in solchen bedrohlichen Situationen hinter ihrer Regierung zusammen und schenken ihr einen großen Vertrauensvorschuss, wie uns die ganzen Meinungsumfragen nicht nur aus den USA, sondern auch hier zeigen. Wenn man sich allein machtlos / ohnmächtig fühlt, glaubt man, dass der Kampf gegen den bösen Feind nur gemeinsam gewonnen werden kann. So spielen die beiden neuro-motivationalen Systeme im Krieg unter der Leitung des Abwendungssystems um des Überlebenswillens zusammen. Solch ein Kampf kostet wie jeder Krieg Opfer. Von jedem werden Opfer verlangt – für den guten Zweck „Leben retten“ und „Gesundheitssystem vor Kollaps bewahren“. Wer das Opfer nicht bringen will, wird zum Opfer gemacht: Geldstrafe, Gefängnis oder Psychiatrie (wie in Sachsen geplant war). Diese Opfer bzw. alle, die sich als potentielle Opfer fühlen, fällen über die Regierung ein negatives Urteil und machen ihr Vorwürfe als Übeltäter. Diese fühlt sich dann wieder als Opfer einer Hexenjagd, Schmutzkampagne oder Verschwörungstheorie. Aus diesem Gefühl als Opfer heraus und ausgestattet mit der Staatsmacht verschärft sie ihre Maßnahmen und Drohungen und löscht unerwünschte Meinungen.
So entfaltet sich ein Interaktionsmuster von: Opfer retten wollen – Übeltäter bekämpfen und damit wieder neue Opfer produzieren – die dann ihrerseits wieder die ehemaligen Retter als Übeltäter bekämpfen – usw. usw.
Dieses Interaktionsmuster erscheint als das Schattenmuster gut gemeinter Rettungsaktivitäten im angstgetriebenen Stressmodus. Dieses Macht-Opfer-Dreieck[7] ist ein Kommunikationsmuster im Abwendungsmodus mit einer hohen Eigendynamik, die immer neue Opfer produziert, weil keiner gerne Opfer sein möchte (freiwillig Opfer bringen, ist etwas anderes)[8]. Im Kleinen kennen wir alle dieses Muster in zwischenmenschlichen Beziehungen, und in großen Kollektiven sehen wir es wie zwischen Israel und Palästina und in allen anderen Kriegen – und jetzt auch im „Krieg gegen die Viren“. Zunächst haben die meisten freiwillig Opfer gebracht. Jetzt werden aber zunehmend die zwischenmenschlichen und familiären Beziehungen vieler Menschen sowie die ökonomischen Existenzen von KleinunternehmerInnen zu neuen Opfern, auch wenn sie nicht mit dem Virus verbandelt sind. Opfer dieses menschlichen Schattenmusters unreflektierter Kommunikation und Kooperation im Abwendungsmodus.
Es wurde neben dem Abwendungsziel des Sterbens noch ein weiteres genannt: „Ein Kollaps des Gesundheitssystems“ soll vermieden werden. Von einem solchen Ziel und Motivation gesundheitsorientierten Handelns habe ich in über 40-jähriger ärztlicher Tätigkeit noch nie etwas gehört. Das ist Aufgabe der Politiker und mit vorherschauenden Investitionen und Strukturmaßnahmen zu erreichen, aber nicht mit dem Kollaps der Gesamtwirtschaft und des gesellschaftlichen menschlichen Lebens. Dahinter steckt wohl die Angst des zuständigen Gesundheitsministers, dass seine profitorientierte Sparpolitik in Kritik gerät, durch die eine (fürsorgliche) Vorsorge für den Fall des spätestens seit 2013 erwarteten Eintretens einer Pandemie vernachlässigt wurde.
Eine weitere Gefahr der Angstmacherei besteht darin, dass wir, wenn wirklich eine gefährliche Pandemie kommt, der Regierung nicht mehr glauben, weil wir jetzt nach der Vogel- und Schweinegrippe auch noch die Corona-Pandemie eher als Windmühlenflügel des Don Quijote denn als reale überall lauernde tödliche Gefahr erlebt haben. Von dem häufig angekündigten Sturm auf die Krankenhäuser und Intensivstationen bleibt hier in Deutschland eine gähnende Leere, die zu einer so nicht gekannten Kurzarbeit führt (Stand 23.4.: 150.000 Krankenhausbetten und gut 20.000 Intensivbetten sind leer). Menschen haben heute Angst, ins Krankenhaus zu gehen. Dann wird unser anfänglich hohes und relativ blindes Vertrauen in die Regierenden umschlagen in ein sehendes: Wir sehen dann die Regierung als einen Don Quijote. Mehrere ExpertInnen, die die Schweinegrippe und andere Epidemien fachlich begleitet hatten, hatten deshalb jetzt schon große Schwierigkeiten, den Horrorszenarien von VirologInnen und Regierung zu glauben, wie z.B. W. Wodarg.
Um die fatalen Dynamiken dieses Kommunikationsmusters und ihre möglichen grausamen Folgen (zerbrochene Existenzen, mehr Armut und möglicherweise Millionen Hungerstote als Folge der Verschärfung der Finanzkrise) zu erkennen und dafür Verantwortung zu übernehmen, muss man aus der Angstblase der Angina mentalis aussteigen. Dann erst kann man die unterschiedlichen Gefahren angemessen reflektieren, sich auf das Urvertrauen ins Leben besinnen und weitsichtig vorbeugend handeln. Dann können wir eine umfassende Perspektive erreichen, die die Bedrohung in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt, und auch unsere menschlichen Fähigkeiten, das Leben (einschließlich der Gefahren) gut mitzugestalten, in Betracht zieht.
Hier im Zusammenhang der Corona-Krise möchte ich daran erinnern, dass die positiven Entwicklungen in Bezug auf schwere Infektionskrankheiten wie der Tuberkulose nicht wesentlich durch die Medikamente und Impfungen zustande kamen, sondern schon vorher durch Veränderungen im sozialen Milieu, wie sauberes Trinkwasser, Müllentsorgung, hinreichend gute Nahrung und mehr Wohnraum[9]. Ähnliches erkennen wir, wenn wir die Coronavirus-Verbreitung und die Todesfälle heute anschauen – so z.B. in New York die der Afroamerikaner.
Ein gutes Leben unter guten Bedingungen gibt wohl den besten Schutz, die größtmögliche Sicherheit für ein gesundes langes Leben. Ein gutes Leben ist nicht so sehr das Ergebnis von Kontrolle aus Angst heraus, sondern vielmehr von Eigeninitiative, Kooperation und Unterstützung.

Verantwortung und Kultur

Eingangs habe ich die Geschichte von der helfen wollenden Pflegekraft im Seniorenheim meines Vaters erzählt, weil sie auch manche Angst von PolitikerInnen besser verständlich macht. Ihnen geht es oft nicht wirklich um die Sterbenden an der Corona-Grippe, sondern darum, Vorwürfe an ihrem (Nicht-)Handeln zu vermeiden. Wenn es wirklich um das Leben und die Gesundheit gefährdeter Menschen gehen würde, hätten sie schon vorher Maßnahmen ergriffen, damit Menschen in ärmeren Gebieten sowohl in Deutschlands Städten als auch in anderen Ländern nicht im Durchschnitt 10 Jahre früher sterben als in wohlhabenderen. Und damit nicht jedes Jahr etwa 74.000 Menschen an Alkoholkonsum unnötigerweise sterben. Und und und… Vielleicht hätten sie das Gesundheitssystem und uns auch auf die schon lange angekündigte und durchgespielte Pandemie[10] früher vorbereitet – dann hätten wir jetzt möglicherweise uns ganz einfach ohne Shutdown angemessen verhalten können.
Wenn wir mit diesem neuropsycholgischen Wissen und dieser reflektierten Erfahrung der Eigendynamik des Macht-Opfer-Dreiecks Verantwortung auch für andere übernehmen wollen, wie für PatientInnen oder die BürgerInnen eines ganzen Landes, bleiben wir im Kohärenzmodus der Gelassenheit und schauen mit grundsätzlichem und sehendem Vertrauen auf die Lebensziele, -werte und -inhalte, denen die Menschen sich annähern wollen. Und auch auf Bedrohungen, die sie abwenden wollen. Und dann besonders auf die unterschiedlichen Fähigkeiten und andere Ressourcen, die wir für beides haben und brauchen.
Wir – jeder für sich und viele gemeinsam – gehen dann Fragen nach wie: Was braucht die Menschheit, uns selbst eingeschlossen, zum guten Leben? Kurzfristig – mittelfristig und langfristig? Was wünschen Sie sich für Ihr gutes Leben? Und das Ihrer Kinder und Enkel? Und was wollen und können Sie in Ihrem persönlichen Umfeld und in Deutschland dazu beitragen?
Wir haben grundsätzliches Vertrauen in die gesunde autonome Selbstregulation sowie die aufbauende gegenseitig förderliche Kooperation der Mitmenschen. Kontrolle ist nur erforderlich, wenn etwas schief läuft und kann dann durch die KooperationspartnerInnen geleistet werden. Das Ziel ist die weitestgehende Selbstverantwortung in Selbstmächtigkeit der Menschen. Von den verantwortlich Regierenden braucht es dazu eine Ermächtigung im Sinne von Empowerment und keine Entmächtigung durch Gesetze, Verbote und Kontrollen. Zum Glück gibt es dafür schon gute Praxisbeispiele wie Schweden in der Corona-Krise und andere in anderen gefährlichen Situationen[11].

Fazit

Die hier angeführten neuropsychologischen Erkenntnisse und der Blick auf Interaktionsmuster können uns helfen, unsere Motivationen und Entscheidungsprozesse zu reflektieren und zu verstehen und bewusster mitzugestalten, insbesondere durch angemessene und das Denken öffnende Fragen und vertrauensvoll kooperative auch öffentliche Kommunikationsprozesse. Durch diese Reflexion können wir negativen Folgen unserer gut gemeinten ‚rettenden‘ Aktivitäten im Abwendungsmodus vorbeugen – wirklich ver-antwortlich und zum Wohl aller Menschen kooperieren[12].
Wer nicht in dieser Weise psychologisch reflektieren will oder kann und trotzdem im gesundheitlichen Tätigkeitsfeld aktiv werden möchte, kann einfach die ethischen Prinzipien ärztlichen Handelns befolgen, wie sie im Oktober 2017 vom Weltärztebund in Genf verabschiedet wurden[13]:
An erster Stelle steht das Wohlbefinden der Menschen, dann kommen die Autonomie und die Würde des Menschen und an dritter Stelle steht der „höchste Respekt vor menschlichem Leben“. Ein solcher Respekt beinhaltet noch weit mehr oder auch etwas gänzlich anderes, als nur mit allen Mitteln Menschen am physischen Leben zu erhalten.
Diese Deklaration endet mit dem Gelöbnis: „Ich werde, selbst unter Bedrohung, mein medizinisches Wissen nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten anwenden.“



[1] Im deutschsprachigen Raum wird dies neuro-motivationale System meist Vermeidungssystem genannt. Weil es aber nicht nur für das Vermeiden, also Fliehen einer Gefahr verantwortlich ist, sondern auch für das Bekämpfen, das aktive Abwenden, nenne ich „Abwendungssystem“: man kann sich von der Gefahr oder diese abwenden.
Vgl. Grawe K (2004): Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe. Petzold TD (2015): Für eine gute Arzt-Patient-Kooperation ist die gemeinsame Intentionalität entscheidend. ZFA Z.Allg.Med.10: 6-10 (2015); Petzold TD (2013): Gesundheit ist ansteckend – Praxisbuch Salutogenese. München: Irisiana.  
[2] Petzold TD (Hrsg.)(2012): Vertrauensbuch – zur Salutogenese. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung
[3] RKI: Epidemiologisches Bulletin 17 | 2020 Online vorab: 15. April 2020
[4] Martin Buber: “Nicht ‘blindes‘ sondern sehendes, einsetzendes; nicht ‚ergebenes‘, vielmehr kühnes, ringendes Vertrauen scheint mir das höchste Gut zu sein…“
[7] Petzold TD (2017) Arzt-Patienten-Kooperation aus Sicht der Salutogenese – Fokus auf die Genesung - nicht auf die Erkrankung! In: Der Allgemeinarzt 11/2017 S.64-68.
https://www.gesunde-entwicklung.de/tl_files/user_upload/docs/Petzold-Macht-Opfer-Dreieck.pdf (Manuskript 2020)
[8] Dieses Kommunikationsmuster ermöglicht ein psychologisches Verstehen auch paradoxer Phänomene, die im Zusammenhang mit Macht zu Bösem führen, wie R. Bregman sie beschreibt: „Im Grunde gut…“ (2020). In seinem Kern wurde es schon 1968 von dem Transaktionsanalytiker S. Karpman als Dramadreieck beschrieben.
[9] Keil U (2011): The invention of the swine-flu pandemic. Eur J Epidemiol (2011) 26:187–190 DOI 10.1007/s10654-011-9573-6
[11] R. Bregman beschreibt dazu viele Beispiele, wie z.B. die Behandlung von Kriminellen in Gefängnissen in Norwegen im Unterschied zu den USA u.v.a. In: Im Grunde gut… Rowohlt 2020.
[13] https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/International/Deklaration_von_Genf_DE_2017.pdf

Dienstag, 24. März 2020


Vertrauen in der Corona-Krise

Was ist ein Virus?

Durch die Beobachtungen von Corona – insbesondere beim Studium des Blogs von Tomas Pueyo – konnte ich meine Vorstellungen über das Wesen von Viren korrigieren oder ganz neu klären.
Viren werden im Allgemeinen als weder tote Materie noch Lebewesen verstanden – also eher per Ausschluss definiert: Sie gehören weder zu den uns bekannten Lebewesen noch sind sie nur chemische Materie. Sie bestehen zwar aus Genen, sind aber keine Zellen und haben keinen eigenen Stoffwechsel (wie Bakterien es haben).
Heute kann ich es in Worte fassen: Viren sind eine genetisch manifestierte Information. Mit dieser Sicht lassen sich die Wirkung von und der zweckmäßige Umgang mit Coronaviren besser verstehen. Diese virale Information kann sich nur in körperlicher Kommunikation und Kooperation mit Lebewesen vermehren, hier nehme ich nur Menschen in Betracht. Ohne Kooperation mit uns existiert das Virus nicht. Der Wirt des Virus kann diesem bei der Vermehrung helfen oder nicht: Seine Kooperation mit dem Virus bestimmt mit über dessen Infektiosität. Wenn die Ansteckungsrate Ro dauerhaft kleiner als 1 wird, vergeht das Virus. Es hat kein Eigenleben. Seine Existenz folgt mathematischen Regeln der Ansteckung. Auf diesen Erkenntnissen basieren die Erfolge bei der Eindämmung der Epidemie in China und Südkorea. Wir brauchen keine "Durchseuchung" und "Herdenimmunität". Dadurch würde nur die Gefahr weiterer Mutationen wachsen.
Weiter können wir es mit unserem Immunsystem innerhalb des Organismus vernichten oder das Immunsystem scheitert an dieser Herausforderung: Davon hängt die Gefährlichkeit des Virus ab. Allerdings verliert das Virus seine Existenz auch dann, wenn der betroffene Mensch stirbt.

Mit wem oder was will ich wie kooperieren?

Neu in mein Bewusstsein gekommen ist der kommunikative und kooperative Aspekt des Virus: Das Coronavirus braucht offenbar existentiell die Kooperation mit uns, was heißt, dass wir es weitergeben. Wenn diese Kooperation ausbleibt, hört es auf zu existieren - von „leben“ und „sterben“ will ich nicht sprechen, da es nach Lehrmeinung kein eigenständiges Lebewesen ist. An dieser Stelle greifen unsere aktuellen Maßnahmen: Durch distanziertere mitmenschliche Kommunikation und Kooperation kann das Virus sich nicht vermehren, da es auf materielle Übertragung seiner Information angewiesen ist. Wir versagen dem Virus unsere Kooperation und es hat keine weitere Chance, in Beziehung zu Menschen zu kommen und hört auf zu existieren (wie 2003 SARS-1).
Deshalb ist aktuell unsere wichtigste Maßnahme angesichts einer Infektionskrankheit, dass wir nur mit ganz wenigen Menschen und immer mit denselben sinnlich nah kommunizieren. Mit allen anderen halten wir einen Abstand von 1-2 m (je nachdem, ob jemand hustet). Damit können wir die Infektion vermeiden und eliminieren.
Mit etwas körperlichem Abstand können wir unter Menschen auch gut kommunizieren. Was dabei möglicherweise etwas verloren geht, ist die sinnliche Lust, ein grenzüberschreitendes Körpergefühl. Was dabei gewonnen werden kann, ist mehr Achtsamkeit für Grenzen, mehr Respekt für den anderen – ein erweitertes Bewusstsein für Begegnung, Kontakt, Berührung und für Mimik und Worte. Kommunikation kann bewusster und wertschätzender, womöglich auch wahrhaftiger und herzlicher werden – trotz oder gerade wegen der Distanz.
Welche Informationen senden und empfangen wir dann? Wie freuen wir uns über ein Lächeln aus der Distanz? Welche Botschaften sind mir so bedeutsam, dass ich sie über den Abstand hinweg kommunizieren möchte?

„Nicht ‚blindes‘, sondern sehendes Vertrauen… scheint mir das höchste Gut zu sein…“ Martin Buber

Was ganz besonders in Corona-Zeiten auf die Probe gestellt wird, ist unser Vertrauen. Vertrauen in unsere Mitmenschen, auch wenn wir sie nicht in den Arm nehmen und ihre Hände fassen. Vertrauen ins Leben, auch wenn uns von den Medien täglich steigende Zahlen von Toten vorgehalten werden. Vertrauen in friedliche mitmenschliche Kooperation – auch weltweit und mit der Biosphäre – selbst wenn überall von „Krieg“ geredet wird.
Urvertrauen wie Kohärenzgefühl ist die Grundlage für Salutogenese und für salutogene Kommunikation. Vertrauen kann übertragen werden – auch über zwei Meter Abstand. Wir können Vertrauen schenken und es kann sich verbreiten – auch über größere Distanz – womöglich besser und nachhaltiger als Viren? Das ist salutogene Kommunikation.
Sehendes Vertrauen befähigt uns, mit unseren Mitmenschen sowie PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen jeweils angemessen zu empfangen und zu senden – in Zeiten von Corona womöglich anders als sonst.
Wir können in der akut bedrohlich erscheinenden Phase der Krise die Angst der Menschen und Verantwortlichen sehen und ernst nehmen und trotzdem Vertrauen in die Entwicklung haben und teilen. Wenn wir unseren Beitrag zum Abwenden der viralen Bedrohung geleistet haben, können wir aus dieser angstbesetzten Einengung des Bewusstseins (lat. Angina mentalis) wieder auftauchen. Wir können uns öffnen für andere Dinge, die wir aus dem Blick verloren haben oder ganz neu erkennen, die möglicherweise für die gesunde Entwicklung in Zukunft genauso wichtig sind oder noch wichtiger. Das gilt sowohl für uns persönlich als auch für unsere Familie und Freunde, für unsere Kultur und für die gesamte Menschheit und Biosphäre.
Was halten wir für die Zukunft für bedeutsam? Was sollen die Ziele und Inhalte unserer langfristigen Kooperationen sein?

Donnerstag, 30. Mai 2019

Kooperieren in und mit der Biosphäre


Global kooperieren

Schülerinnen, Jugendliche und junge Erwachsene verstärken ihren Einsatz zum Klimaschutz und für Klimagerechtigkeit. Herzlichen Glückwunsch zu Euren erfolgreichen Protesten und Eurer weltweiten Kooperation! Für Opas wie mich ist es belebend, beglückend und beruhigend zu sehen, dass Ihr die Gestaltung Eurer Zukunft immer mehr und verantwortlicher in Eure eigenen Hände nehmt und nicht darauf wartet, dass Eure Großeltern und Eltern es schon für Euch richten. Das positive Ergebnis der Grünen in der Europawahl ist zum großen Teil Euer Verdienst – auch wenn Ihr keine Parteipropaganda gemacht habt. Es geht um das Engagement, um die Intentionalität für eine Natur weltweit, für eine Biosphäre, in der wir Menschen und ganz besonders Ihr jungen Menschen, die Ihr noch viele Jahre Eures Lebens vor Euch habt, gut leben können, die Euch und uns aufbaut – bei aller Herausforderung, die unsere Umwelt auch für uns ist.
Ihr habt erkannt, dass es dazu die globale Kooperation braucht, weil heute kein Volk mehr alleine und im nationalen Eigennutz aus der internationalen Vernetzung ausscheren kann, ohne durch die großen Finanz- und Währungskartelle und ihre politischen Institutionen heftig abgestraft zu werden.
Die Menschheit ist global und wir alle lernen heute global zu denken, uns zu vernetzen und global zu kooperieren und lokal handeln. Das habt Ihr uns in Euren Protesten wunderbar vorgemacht.

Intentionale Kooperation

Die spontane wie auch langfristig kreative Kooperation funktioniert intentional. Das bedeutet, dass alle Menschen, die Mitverantwortung für die Gestaltung, für die Zukunft der Biosphäre übernehmen wollen, sich durch Aufrufe in diese Richtung anregen lassen, aktiv mit anderen ihre eigenen Ideen einzubringen, zu diskutieren und umzusetzen. Für intentionale Kooperationen muss es keine etablierten Organisationen geben (diese sind sehr anfällig für geheimdienstliche Unterwanderung). Da sind Vernetzungen viel flexibler und unkaputtbarer.
Für erfolgreiche Kooperationen in Vernetzung braucht es als erstes und wichtigstes eine gemeinsame Intentionalität. Diese soll möglichst positiv ausfallen, also z.B. „Für eine lebensfreundliche oder naturbelassene Umwelt“, eine „aufbauende Biosphäre“ oder „für Artenvielfalt“.
Abwendende Anti-Parolen wie „Gegen das Artensterben“, „Stoppt die Klimakiller!“ und Rettungsziele wie: „Rettet das Klima!“ sind natürlich nicht falsch. Sie sollten allerdings erst in der zweiten Reihe kommen, und wenn es um konkrete Forderungen geht. Positive Ziele bringen uns langfristiger zusammen, lassen unsere Kooperation nachhaltiger gedeihen und wachsen. Die Abwendungs- und Rettungsziele können allerdings kurzfristig stärker mobilisieren. Positive Visionen in Bezug auf die Biosphäre, dem Leben in ihr und in Bezug auf die Kooperation mit ihr, können jahrzehnte- und lebenslang die Aktivitäten leiten und ermöglichen eine flexiblere Zusammenarbeit – dann auch bei Rettungs- und Verhinderungsaktivitäten. Sie sollten offen genug sein, damit sie für viele Menschen anschlussfähig sind. Man kann auf die spontane Vernetzung vertrauen, die sich jeweils selbstorganisiert, zu den jeweiligen Umständen passende Strukturen aufbaut und/oder improvisiert, wenn die Intentionalität stimmt.

Unsere Umwelt als Kooperationspartnerin

Wenn wir hier von Mitgestalten der Umwelt sprechen, so ist die Umwelt damit nicht als bloßes Objekt gemeint. Die Natur bis hin zur Biosphäre ist eine lebende Kooperationspartnerin. Dabei versteht sie unsere Wortsprache und Geldsprache nicht – genauso wie viele Menschen heute ihre Sprache nicht verstehen, oder erst dann, wenn das Klima sich ändert bzw. Wissenschaftlerinnen feststellen, dass die Temperatur ansteigt, und berechnen, dass dies durch das moderne Leben der Menschen zumindest mitverursacht wird. Allerdings gab und gibt es immer Menschen, die ein implizites Mitwissen am großen Übersystem Erde und Biosphäre haben und daraus ein Umweltbewusstsein entwickeln. Aus diesem ahnenden Mitwissen und Bewusstsein heraus können wir das große System der Biosphäre als Kooperationspartnerin verstehen und annehmen. Das bedeutet, dass wir sie grundsätzlich in ihrer Selbstregulation mitdenken und mitfühlen, wenn wir etwas unternehmen, dass wir die Umwelt wertschätzen, so wie sie ist, und dankbar sind, wenn sie uns aufbaut, aufbauende Nahrung und anregendes und wärmendes Licht zur Verfügung stellt. Dass wir Dankbarkeit ihr gegenüber empfinden können für all dies und den ungeheuren Reichtum und auch die Herausforderungen, den sie uns anbietet. Zur Kooperation gehört die gegenseitige Achtung und Wertschätzung der jeweiligen Fähigkeiten und Ressourcen und auch der Schwächen.
Die darwinistische Sicht auf die Evolution kann heute auf die Füße gestellt werden: Nicht der individuell Fitteste überlebt, sondern diejenigen, die am besten miteinander und mit der Umwelt kooperieren. Wenn wir im Urvertrauen in die Kohärenz der Welt, in die Verbundenheit und das gemeinsame Funktionieren kooperieren, können wir kreativ ein gutes Leben in der Zukunft mitgestalten. Dabei wollen wir Alten die junge Generation mit Herz, Kopf und Hand unterstützen und fördern.

Dienstag, 30. April 2019

Eine bessere Kooperation durch Ärger?

In einer Forschungs-Arbeitsgruppe habe nicht nur ich mich wiederholt geärgert. Anlass war das Vorgehen des Versammlungsleiters, der auch das Protokoll anfertigte. Manchmal überhörte bzw. überging er Beiträge, die nicht in sein Konzept passten. Vielleicht hatte er sie akustisch nicht verstanden, vielleicht inhaltlich nicht, vielleicht hat er sie verstanden, aber sie gefielen ihm nicht. So wurden diese im Fortgang der AG nicht gebührend berücksichtigt und waren dann auch im Protokoll nicht zu finden. Einige Male sogar auch dann nicht, wenn von der ganzen Gruppe eine Entscheidung getroffen wurde. Bei einem Kollegen machte sich sein Ärger sehr laut und deutlich in einer Kritik Luft. Diese führte aber leider nur zu einem persönlichen Streit, der mit dem Ausscheiden des Kollegen aus der AG führte. Auch bei mir staute sich Ärger an. So habe ich jeweils an konkreten Punkten, wie z.B. dem unvollständigen Protokoll meinen Wunsch geäußert, dass alle Beschlüsse darin erwähnt werden, auch die, die ihm vielleicht nicht gefallen. Weiter habe ich bei mir wichtigen Punkten in der Gruppe explizit um Rückmeldungen dazu gebeten und es nicht akzeptiert, wenn die Leitnug einfach darüber weggegangen ist.
Zwar konnte die Gruppenleitung ihre Teamfähigkeit und Aufnahmekapazität nicht groß ändern, aber mit einer reduzierten Erwartung an die Leitung und stärkerem Beharren auf Eingehen auf andere Vorschläge konnte die Kooperation in der AG besser gelingen und der Ärger war verflogen… Offenbar brauchte die Leitung Hilfe bei Ausführen ihrer Rolle, die sie selbst aber nicht formuliert hat.

Ärger als Anzeigegefühl für das Bedürfnis nach Kooperation

Ärger ist offenbar ein Anzeigegefühl für ein frustriertes Bedürfnis nach Kooperation. Michael Tomasello hat bei seinen Grundlagenforschungen zur menschlichen Kooperation schon bei Kindern beobachtet, dass diese ärgerlich wurden, wenn die Bezugspersonen auf ihr Kooperationsangebot nicht eingegangen sind und dies ignoriert haben (2010). Wenn die Bezugspersonen den Ärger richtig verstanden haben (meist implizit), haben sie sich dem Kind zugewandt und sind auf seine Angebote und Fähigkeiten eingegangen. Dann hat der Ärger als Ausdruck des Wunsches nach einer besseren Kooperation geholfen, diese herzustellen. Ärger ist wie andere Emotionen auch ein nonverbaler Ausdruck eines (frustrierten) Bedürfnisses. In der Sprachwelt der Erwachsenen wird dies allerdings häufig nicht (mehr) verstanden.

Den Wunsch nach besserer Kooperation verbal ausdrücken

Dann können wir durch eine verbale Äußerung unserem Bedürfnis Beachtung verschaffen, indem wir z.B. sagen: „Ich wünsche mir, dass du auf meinen Beitrag eingehst.“ Oder: „Ich würde gerne die Rolle xy in unserer Kooperation übernehmen. Wäre das ok für dich (bzw. Euch)?“
So ist es hilfreich, die Funktion von Emotionen wie Ärger als nonverbale (auch kindliche) Äußerungen von Bedürfnissen zu verstehen. Dann können wir beim Aufkommen von Ärger möglichst bald unseren Wunsch nach einer besseren Kooperation kommunizieren, anstatt unserem Kooperationspartner Vorwürfe zu machen.
Tomasello hat bei kleinen Kindern ab dem Alter von 9-12 Monaten schon das spontane Auftreten von Kooperation um Drittes, zu dem sie also keinen eigenen Bezug hatten, beobachtet. Dabei konnte er vier Eigenschaften feststellen, die diese Kooperation der Kinder immer wieder zeigten, ohne dass sie dazu aufgefordert oder dafür belohnt wurden. Diese vier Eigenschaften scheinen demnach angeboren zu sein und mit einer Erwartung an zwischenmenschliche kooperative Beziehung verknüpft zu sein. Diese vier Kriterien von partnerschaftlicher menschlicher Kooperation sind:
1.      Kooperationspartner gehen aufeinander ein.
2.      Sie haben ein gemeinsames Ziel (Attraktor), eine gemeinsame Intentionalität.
3.      Sie stimmen ihre unterschiedlichen Rollen miteinander ab.
4.      Sie helfen sich gegenseitig, wenn einer Hilfe braucht. 
Wenn eines dieser Kriterien vom Kooperationspartner nicht erfüllt ist, kommt Ärger auf, gewissermaßen als Rückmeldung, dass die Kooperation nicht so ist, wie man sie sich gewünscht hat. Spätestens dann wird es für einen der Sprache mächtigen Erwachsenen Zeit, seinen Wunsch verbal zu formulieren. Auf diese Weise kann der bewusste Umgang mit Ärger als Anzeigelampe helfen, die Kooperation zu verbessern – wenn wir dies Bedürfnis angemessen als Bitte, Wunsch oder Ähnliches differenziert kommunizieren.

Vom Ärger zum Gefühl der Ohnmacht

Wenn wir dagegen aber unseren Ärger ‚runterschlucken‘, weil wir uns abgelehnt und ohnmächtig fühlen, kann sich das gegen uns selbst richten, und dazu führen, dass wir uns als Opfer fühlen. Auf jeden Fall verbessert es die Kooperation nicht, und wir leben weiterhin im Frust. Wenn wir dann aus diesem Gefühl der Ohnmacht oder Hilflosigkeit dem Gegenüber Vorwürfe machen, ihn kritisieren, gibt es häufig eine Eskalation der Vorwürfe und eine Verschlechterung der Kooperation oder ein Ende. Ein Gefühl von Ohnmacht und/oder Vorwürfe zeigt an, dass das Beziehungsmuster des Opferdreiecks getriggert ist. Dieses Beziehungsmuster ist das Haupthindernis für kokreative partnerschaftliche Kooperation. In dieser Gefühlslage ist es besonders schwierig, wieder in eine kreative Kooperation zu finden.
Wie wir diese Opfer-Dreiecks-Dynamik lösen und in eine gelingende Kooperation kommen können, wird das Thema vom nächsten Post sein.

Sonntag, 10. März 2019

Kreative Kooperation ganz zufällig?

Vor neun Jahren haben mein Kollege und ich in der Bahn eine ungeplante Unterhaltung gehabt. Auf der Rückreise von einer Tagung der APAM (Akademie für patientenzentrierte Medizin) bei Bremen, für die wir zufällig denselben Zug gebucht hatten, begann ich, Fragen nach der Zukunft des Vereins zu stellen, weil das Ergebnis der gerade erlebten Veranstaltung sehr frustrierend war. Aus meiner Perspektive musste sich etwas Grundlegendes ändern, damit der Verein attraktiv werden kann und auch das Engagement dafür wieder Freude macht. Mein Kollege stimmte mir zu, und wir überlegten, was der explizite und attraktive Fokus des Vereins sein könnte und sollte. Eine Idee folgte auf die nächste. Irgendwann meinte er: „Salutogenese“. Das traf genau meine Intentionalität und fand sofort eine offene Tür. Wir besprachen noch weitere Einzelheiten. Das war die „Zeugung“ des Dachverbands Salutogenese DachS (ausnahmsweise mal ohne Frau, nur unter Männern). Die „Geburt“ war etwa neun Monate später – dann mit einer größeren Gruppe und überwiegend Frauen.

Freitag, 4. Januar 2019

Eine säkulare Globale Ethik: Wozu und Wie?

Der „Appell“ des Dalai Lamas an die Menschheit „Ethik ist wichtiger als Religion“ traf bei mir auf fruchtbaren Boden: Ein weiser weltweit informierter und geschätzter Religionsführer gibt das Zepter religiöser Autorität an die Menschheit ab. Es ist jetzt tatsächlich die Zeit, wo wir als normale einfache Erdenbürger uns nicht mehr hinter einer sog. Heiligen Schrift, einer Kirche oder Lamas, Päpsten, Bischöfen, Pastoren, Professoren und anderen Gurus verstecken können, sondern selber an einer Globalen Ethik mitarbeiten dürfen, können und sollen. Es geht also jetzt bei einer Ethik nicht mehr um eine Exegese und Anwendung von Thora-, Bibel- oder Korantexten oder Kants Imperativ, sondern darum, dass jedeR sich berufen fühlt, eigenverantwortlich an einer aufbauenden zukunftstauglichen Ethik mitzuwirken. Und das sei sogar wichtiger als Religion, schreibt der Dalai Lama.
Mit „Ethik“ verbinde ich eine maßgebliche und handlungsleitende Orientierung für alle Menschen. Die bisherigen Ethiken der Religionen und Philosophen haben wohl im Laufe der letzten etwa dreitausend Jahre ihren wichtigen Beitrag zur Entfaltung der menschlichen Kulturen und des Bewusstseins geleistet, aber ich halte sie als Maßgabe für die heutige Entwicklung und die Zukunft nicht mehr für geeignet.