Donnerstag, 30. Mai 2019

Kooperieren in und mit der Biosphäre


Global kooperieren

Schülerinnen, Jugendliche und junge Erwachsene verstärken ihren Einsatz zum Klimaschutz und für Klimagerechtigkeit. Herzlichen Glückwunsch zu Euren erfolgreichen Protesten und Eurer weltweiten Kooperation! Für Opas wie mich ist es belebend, beglückend und beruhigend zu sehen, dass Ihr die Gestaltung Eurer Zukunft immer mehr und verantwortlicher in Eure eigenen Hände nehmt und nicht darauf wartet, dass Eure Großeltern und Eltern es schon für Euch richten. Das positive Ergebnis der Grünen in der Europawahl ist zum großen Teil Euer Verdienst – auch wenn Ihr keine Parteipropaganda gemacht habt. Es geht um das Engagement, um die Intentionalität für eine Natur weltweit, für eine Biosphäre, in der wir Menschen und ganz besonders Ihr jungen Menschen, die Ihr noch viele Jahre Eures Lebens vor Euch habt, gut leben können, die Euch und uns aufbaut – bei aller Herausforderung, die unsere Umwelt auch für uns ist.
Ihr habt erkannt, dass es dazu die globale Kooperation braucht, weil heute kein Volk mehr alleine und im nationalen Eigennutz aus der internationalen Vernetzung ausscheren kann, ohne durch die großen Finanz- und Währungskartelle und ihre politischen Institutionen heftig abgestraft zu werden.
Die Menschheit ist global und wir alle lernen heute global zu denken, uns zu vernetzen und global zu kooperieren und lokal handeln. Das habt Ihr uns in Euren Protesten wunderbar vorgemacht.

Intentionale Kooperation

Die spontane wie auch langfristig kreative Kooperation funktioniert intentional. Das bedeutet, dass alle Menschen, die Mitverantwortung für die Gestaltung, für die Zukunft der Biosphäre übernehmen wollen, sich durch Aufrufe in diese Richtung anregen lassen, aktiv mit anderen ihre eigenen Ideen einzubringen, zu diskutieren und umzusetzen. Für intentionale Kooperationen muss es keine etablierten Organisationen geben (diese sind sehr anfällig für geheimdienstliche Unterwanderung). Da sind Vernetzungen viel flexibler und unkaputtbarer.
Für erfolgreiche Kooperationen in Vernetzung braucht es als erstes und wichtigstes eine gemeinsame Intentionalität. Diese soll möglichst positiv ausfallen, also z.B. „Für eine lebensfreundliche oder naturbelassene Umwelt“, eine „aufbauende Biosphäre“ oder „für Artenvielfalt“.
Abwendende Anti-Parolen wie „Gegen das Artensterben“, „Stoppt die Klimakiller!“ und Rettungsziele wie: „Rettet das Klima!“ sind natürlich nicht falsch. Sie sollten allerdings erst in der zweiten Reihe kommen, und wenn es um konkrete Forderungen geht. Positive Ziele bringen uns langfristiger zusammen, lassen unsere Kooperation nachhaltiger gedeihen und wachsen. Die Abwendungs- und Rettungsziele können allerdings kurzfristig stärker mobilisieren. Positive Visionen in Bezug auf die Biosphäre, dem Leben in ihr und in Bezug auf die Kooperation mit ihr, können jahrzehnte- und lebenslang die Aktivitäten leiten und ermöglichen eine flexiblere Zusammenarbeit – dann auch bei Rettungs- und Verhinderungsaktivitäten. Sie sollten offen genug sein, damit sie für viele Menschen anschlussfähig sind. Man kann auf die spontane Vernetzung vertrauen, die sich jeweils selbstorganisiert, zu den jeweiligen Umständen passende Strukturen aufbaut und/oder improvisiert, wenn die Intentionalität stimmt.

Unsere Umwelt als Kooperationspartnerin

Wenn wir hier von Mitgestalten der Umwelt sprechen, so ist die Umwelt damit nicht als bloßes Objekt gemeint. Die Natur bis hin zur Biosphäre ist eine lebende Kooperationspartnerin. Dabei versteht sie unsere Wortsprache und Geldsprache nicht – genauso wie viele Menschen heute ihre Sprache nicht verstehen, oder erst dann, wenn das Klima sich ändert bzw. Wissenschaftlerinnen feststellen, dass die Temperatur ansteigt, und berechnen, dass dies durch das moderne Leben der Menschen zumindest mitverursacht wird. Allerdings gab und gibt es immer Menschen, die ein implizites Mitwissen am großen Übersystem Erde und Biosphäre haben und daraus ein Umweltbewusstsein entwickeln. Aus diesem ahnenden Mitwissen und Bewusstsein heraus können wir das große System der Biosphäre als Kooperationspartnerin verstehen und annehmen. Das bedeutet, dass wir sie grundsätzlich in ihrer Selbstregulation mitdenken und mitfühlen, wenn wir etwas unternehmen, dass wir die Umwelt wertschätzen, so wie sie ist, und dankbar sind, wenn sie uns aufbaut, aufbauende Nahrung und anregendes und wärmendes Licht zur Verfügung stellt. Dass wir Dankbarkeit ihr gegenüber empfinden können für all dies und den ungeheuren Reichtum und auch die Herausforderungen, den sie uns anbietet. Zur Kooperation gehört die gegenseitige Achtung und Wertschätzung der jeweiligen Fähigkeiten und Ressourcen und auch der Schwächen.
Die darwinistische Sicht auf die Evolution kann heute auf die Füße gestellt werden: Nicht der individuell Fitteste überlebt, sondern diejenigen, die am besten miteinander und mit der Umwelt kooperieren. Wenn wir im Urvertrauen in die Kohärenz der Welt, in die Verbundenheit und das gemeinsame Funktionieren kooperieren, können wir kreativ ein gutes Leben in der Zukunft mitgestalten. Dabei wollen wir Alten die junge Generation mit Herz, Kopf und Hand unterstützen und fördern.

Dienstag, 30. April 2019

Eine bessere Kooperation durch Ärger?

In einer Forschungs-Arbeitsgruppe habe nicht nur ich mich wiederholt geärgert. Anlass war das Vorgehen des Versammlungsleiters, der auch das Protokoll anfertigte. Manchmal überhörte bzw. überging er Beiträge, die nicht in sein Konzept passten. Vielleicht hatte er sie akustisch nicht verstanden, vielleicht inhaltlich nicht, vielleicht hat er sie verstanden, aber sie gefielen ihm nicht. So wurden diese im Fortgang der AG nicht gebührend berücksichtigt und waren dann auch im Protokoll nicht zu finden. Einige Male sogar auch dann nicht, wenn von der ganzen Gruppe eine Entscheidung getroffen wurde. Bei einem Kollegen machte sich sein Ärger sehr laut und deutlich in einer Kritik Luft. Diese führte aber leider nur zu einem persönlichen Streit, der mit dem Ausscheiden des Kollegen aus der AG führte. Auch bei mir staute sich Ärger an. So habe ich jeweils an konkreten Punkten, wie z.B. dem unvollständigen Protokoll meinen Wunsch geäußert, dass alle Beschlüsse darin erwähnt werden, auch die, die ihm vielleicht nicht gefallen. Weiter habe ich bei mir wichtigen Punkten in der Gruppe explizit um Rückmeldungen dazu gebeten und es nicht akzeptiert, wenn die Leitnug einfach darüber weggegangen ist.
Zwar konnte die Gruppenleitung ihre Teamfähigkeit und Aufnahmekapazität nicht groß ändern, aber mit einer reduzierten Erwartung an die Leitung und stärkerem Beharren auf Eingehen auf andere Vorschläge konnte die Kooperation in der AG besser gelingen und der Ärger war verflogen… Offenbar brauchte die Leitung Hilfe bei Ausführen ihrer Rolle, die sie selbst aber nicht formuliert hat.

Ärger als Anzeigegefühl für das Bedürfnis nach Kooperation

Ärger ist offenbar ein Anzeigegefühl für ein frustriertes Bedürfnis nach Kooperation. Michael Tomasello hat bei seinen Grundlagenforschungen zur menschlichen Kooperation schon bei Kindern beobachtet, dass diese ärgerlich wurden, wenn die Bezugspersonen auf ihr Kooperationsangebot nicht eingegangen sind und dies ignoriert haben (2010). Wenn die Bezugspersonen den Ärger richtig verstanden haben (meist implizit), haben sie sich dem Kind zugewandt und sind auf seine Angebote und Fähigkeiten eingegangen. Dann hat der Ärger als Ausdruck des Wunsches nach einer besseren Kooperation geholfen, diese herzustellen. Ärger ist wie andere Emotionen auch ein nonverbaler Ausdruck eines (frustrierten) Bedürfnisses. In der Sprachwelt der Erwachsenen wird dies allerdings häufig nicht (mehr) verstanden.

Den Wunsch nach besserer Kooperation verbal ausdrücken

Dann können wir durch eine verbale Äußerung unserem Bedürfnis Beachtung verschaffen, indem wir z.B. sagen: „Ich wünsche mir, dass du auf meinen Beitrag eingehst.“ Oder: „Ich würde gerne die Rolle xy in unserer Kooperation übernehmen. Wäre das ok für dich (bzw. Euch)?“
So ist es hilfreich, die Funktion von Emotionen wie Ärger als nonverbale (auch kindliche) Äußerungen von Bedürfnissen zu verstehen. Dann können wir beim Aufkommen von Ärger möglichst bald unseren Wunsch nach einer besseren Kooperation kommunizieren, anstatt unserem Kooperationspartner Vorwürfe zu machen.
Tomasello hat bei kleinen Kindern ab dem Alter von 9-12 Monaten schon das spontane Auftreten von Kooperation um Drittes, zu dem sie also keinen eigenen Bezug hatten, beobachtet. Dabei konnte er vier Eigenschaften feststellen, die diese Kooperation der Kinder immer wieder zeigten, ohne dass sie dazu aufgefordert oder dafür belohnt wurden. Diese vier Eigenschaften scheinen demnach angeboren zu sein und mit einer Erwartung an zwischenmenschliche kooperative Beziehung verknüpft zu sein. Diese vier Kriterien von partnerschaftlicher menschlicher Kooperation sind:
1.      Kooperationspartner gehen aufeinander ein.
2.      Sie haben ein gemeinsames Ziel (Attraktor), eine gemeinsame Intentionalität.
3.      Sie stimmen ihre unterschiedlichen Rollen miteinander ab.
4.      Sie helfen sich gegenseitig, wenn einer Hilfe braucht. 
Wenn eines dieser Kriterien vom Kooperationspartner nicht erfüllt ist, kommt Ärger auf, gewissermaßen als Rückmeldung, dass die Kooperation nicht so ist, wie man sie sich gewünscht hat. Spätestens dann wird es für einen der Sprache mächtigen Erwachsenen Zeit, seinen Wunsch verbal zu formulieren. Auf diese Weise kann der bewusste Umgang mit Ärger als Anzeigelampe helfen, die Kooperation zu verbessern – wenn wir dies Bedürfnis angemessen als Bitte, Wunsch oder Ähnliches differenziert kommunizieren.

Vom Ärger zum Gefühl der Ohnmacht

Wenn wir dagegen aber unseren Ärger ‚runterschlucken‘, weil wir uns abgelehnt und ohnmächtig fühlen, kann sich das gegen uns selbst richten, und dazu führen, dass wir uns als Opfer fühlen. Auf jeden Fall verbessert es die Kooperation nicht, und wir leben weiterhin im Frust. Wenn wir dann aus diesem Gefühl der Ohnmacht oder Hilflosigkeit dem Gegenüber Vorwürfe machen, ihn kritisieren, gibt es häufig eine Eskalation der Vorwürfe und eine Verschlechterung der Kooperation oder ein Ende. Ein Gefühl von Ohnmacht und/oder Vorwürfe zeigt an, dass das Beziehungsmuster des Opferdreiecks getriggert ist. Dieses Beziehungsmuster ist das Haupthindernis für kokreative partnerschaftliche Kooperation. In dieser Gefühlslage ist es besonders schwierig, wieder in eine kreative Kooperation zu finden.
Wie wir diese Opfer-Dreiecks-Dynamik lösen und in eine gelingende Kooperation kommen können, wird das Thema vom nächsten Post sein.

Sonntag, 10. März 2019

Kreative Kooperation ganz zufällig?

Vor neun Jahren haben mein Kollege und ich in der Bahn eine ungeplante Unterhaltung gehabt. Auf der Rückreise von einer Tagung der APAM (Akademie für patientenzentrierte Medizin) bei Bremen, für die wir zufällig denselben Zug gebucht hatten, begann ich, Fragen nach der Zukunft des Vereins zu stellen, weil das Ergebnis der gerade erlebten Veranstaltung sehr frustrierend war. Aus meiner Perspektive musste sich etwas Grundlegendes ändern, damit der Verein attraktiv werden kann und auch das Engagement dafür wieder Freude macht. Mein Kollege stimmte mir zu, und wir überlegten, was der explizite und attraktive Fokus des Vereins sein könnte und sollte. Eine Idee folgte auf die nächste. Irgendwann meinte er: „Salutogenese“. Das traf genau meine Intentionalität und fand sofort eine offene Tür. Wir besprachen noch weitere Einzelheiten. Das war die „Zeugung“ des Dachverbands Salutogenese DachS (ausnahmsweise mal ohne Frau, nur unter Männern). Die „Geburt“ war etwa neun Monate später – dann mit einer größeren Gruppe und überwiegend Frauen.

Freitag, 4. Januar 2019

Eine säkulare Globale Ethik: Wozu und Wie?

Der „Appell“ des Dalai Lamas an die Menschheit „Ethik ist wichtiger als Religion“ traf bei mir auf fruchtbaren Boden: Ein weiser weltweit informierter und geschätzter Religionsführer gibt das Zepter religiöser Autorität an die Menschheit ab. Es ist jetzt tatsächlich die Zeit, wo wir als normale einfache Erdenbürger uns nicht mehr hinter einer sog. Heiligen Schrift, einer Kirche oder Lamas, Päpsten, Bischöfen, Pastoren, Professoren und anderen Gurus verstecken können, sondern selber an einer Globalen Ethik mitarbeiten dürfen, können und sollen. Es geht also jetzt bei einer Ethik nicht mehr um eine Exegese und Anwendung von Thora-, Bibel- oder Korantexten oder Kants Imperativ, sondern darum, dass jedeR sich berufen fühlt, eigenverantwortlich an einer aufbauenden zukunftstauglichen Ethik mitzuwirken. Und das sei sogar wichtiger als Religion, schreibt der Dalai Lama.
Mit „Ethik“ verbinde ich eine maßgebliche und handlungsleitende Orientierung für alle Menschen. Die bisherigen Ethiken der Religionen und Philosophen haben wohl im Laufe der letzten etwa dreitausend Jahre ihren wichtigen Beitrag zur Entfaltung der menschlichen Kulturen und des Bewusstseins geleistet, aber ich halte sie als Maßgabe für die heutige Entwicklung und die Zukunft nicht mehr für geeignet.

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Ethik zur Kooperation (Zusammenfassung)

Der Fokus auf Beziehungen

Eine zukunftstaugliche Ethik fokussiert die Beziehungen, das Zusammenwirken der Menschen mit ihren In-, Mit- und Umwelten. Dadurch rücken die Systeme und das jeweils Gemeinsame und die Beiträge, die jeder dazu erbringt, stärker in den Fokus des Bewusstseins als individuelle Tugenden und andere persönliche Eigenschaften. Letztere entstehen und wachsen in den unterschiedlichen und mehrdimensionalen systemischen Beziehungen.

Für Beziehungen gibt es viele Begriffe, wie z.B. Bindung, Liebe, Partnerschaft, Team u.a.m. Allerdings bleibt selbst im professionellen psychotherapeutischen Zusammenhang „Beziehung“ oder „Bindung“ recht unklar und wird lediglich kurzfristigen „Interaktionen“ gegenübergestellt. Dabei werden der Therapeut-Patient-Beziehung heilsame Wirkungen zugeschrieben wie auch der Mutter-Kind-Bindung ein positiver Einfluss auf das Gedeihen des Kindes. Wenn genauer gefragt wird, was an der Beziehung das Heilsame sei, ist die Antwort häufig „Liebe“. Damit wird eine Gestaltung der Beziehung sehr schwierig, weil jeder in das Wort „Liebe“ seine unterschiedlichen Gefühle, Bedürfnisse und Sehnsüchte legt, die von seiner Familie und Kultur mitgeprägt sind.

Sonntag, 25. November 2018

Globale Ethik zur Kooperation

Nur ein ethisches Gebot: ‚Kooperiere zum Wohle aller Menschen!‘

Theodor Dierk Petzold



Die höchsten Gesetze der Sittenlehre werden mit den tiefsten Lebensgesetzen identisch sein.“ J.M. Guyau (1885: zit. nach Ritter 1972 S. 799)